Luftbild des Schilfgürtels im Bereich der Wulkamündung. Vitaler Schilfbereich, der von Flusswasser durchströmt und von gelbgrünen Wattealgen (Cladophora sp.) geprägt wird, die regelmäßig im späten Frühjahr und Sommer Algenteppiche bilden.

Mosaik unterschiedlicher Schilfbestände wieder herstellen

ein Beitrag von Gunnar Landsgesell

11. April 2023 | Seegebiet | 1 Kommentar

Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees: Zwischen natürlicher Sukzession und anthropogenen Schadeinflüssen

Die Struktur des Schilfgürtels hat in den vergangenen Jahrzehnten stark gelitten.

Schrägluftbild einer Bruchschilf-Fläche
Zusammengebrochene „Schilfmatten“ verhindern die Verjüngung des Schilfs und sind für Vögel unbewohnbar. Aufnahme zwischen Rust und Mörbisch (Erwin Nemeth, 2022)

Welche Bedeutung hat der Schilfgürtel des Neusiedler Sees?

Der Schilfgürtel rund um den Neusiedler See zählt neben dem Donaudelta zu den größten zusammenhängenden Schilfflächen Europas. Bis auf das Ufer in Podersdorf ist das gesamte Litoral des Sees von unterschiedlich breiten Schilfbeständen bedeckt. Im südlichen, ungarischen Teil erreicht der Schilfgürtel seine größte Ausdehnung. Eine umfassende, den österreichisch-ungarischen Schilfgürtel betreffende Inventur über die Fläche und Struktur der Schilfbestände gibt es aber erst seit den 1980er-Jahren. In der Öffentlichkeit durchaus verbreitet ist ein Bild des Schilfgürtels als große, monotone Fläche, auf der sich ein Halm ähnlicher Größe neben dem nächsten reiht. Das Gegenteil ist der Fall. Intakte Schilfflächen sind von einer großen Heterogenität gekennzeichnet, auf denen sich unterschiedliche Bestände von Jung- und Altschilf mit kleineren Wasserflächen abwechseln. Zumindest galt diese Beschreibung bis vor einigen Jahren auch für den Neusiedler See. Mittlerweile bietet die Schilfstruktur in großen Teilen keine idealen Verhältnisse mehr. Die Überalterung der Bestandsstruktur ist u.a. von „Schilfmatten“ geprägt, die als Lebensraum problematisch sind: sauerstoffarme Zonen, die eine Verjüngung verhindern und für Vögel nicht bewohnbar sind. Die Ursachen dafür haben verschiedene Gründe, sie sind jedenfalls auf menschliche Eingriffe sowie auf fehlende Schwankungen des Wasserstandes, die seit der Regulierung des Sees kaum noch vorkommen, zurückzuführen. Diese Entwicklung hat sich auch nachteilig auf die Populationen schilfbrütender Vögel ausgewirkt, deren Bestände teils eingebrochen sind. (Siehe auch „Vogelschutz im Schilfgürtel“ von Michael Dvorak ab Seite 141.)

Wie haben sich die Schilfflächen historisch entwickelt?

Schriftliche Dokumente lassen vermuten, dass es schon in der Spätantike einen Schilfgürtel gab. In Berichten über Kriegszüge im 11. Jahrhundert finden sich eindeutig zuordenbare Hinweise auf den Neusiedler See und einen „dichten Schilfwald“. Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts war von hohen Wasserständen geprägt, dementsprechend zeigt sich auf Karten dieser Periode eine große einheitliche Wasserfläche ohne litorale Vegetation. Doch schon 1589 ist im Urbar der Grafschaft Forchtenstein von dichten Schilfbeständen entlang des nordwestlichen Ufers die Rede, durch die der See kaum mehr zu erreichen ist. Es bestätigt sich, dass der See seine Erscheinung mit den Veränderungen der klimatischen Bedingungen über die Jahrhunderte immer wieder verändert hat. Für die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ist – bis auf den Uferbereich von Neusiedl bis Illmitz – ein geschlossener Schilfgürtel anzunehmen. Nachdem der See zwischen 1865 und 1870 ausgetrocknet war, stellte sich in überraschend kurzer Zeit danach wieder das gewohnte Bild des Sees mit ausgedehnten Schilfbereichen dar. In den späten 1920er-Jahren wurden aufgrund von Luftbildaufnahmen des Sees erste Einschätzungen der Größe des Schilfgürtels möglich.
Prognosen auf Basis einer Datenauswertung über das Schilfwachstum und die Entwicklung der Bestände erwiesen sich allerdings nicht immer als richtig. Mit der neuen Schleusenordnung und Regulierung des Sees auf höhere mittlere Pegel im Jahr 1965 erfolgte eine zunehmende Ausbreitung der Schilfbestände sowie Seggen landwärts auf Kosten ertragreicher Seewiesen. Die auf terrestrische Kartierung gestützten Luftbildanalysen zeigten aber auch, dass es, anders als zuvor angenommen, keine Tendenz zu einer Ausdehnung des Schilfs Richtung See gab. Die Daten der vergangenen 15 Jahre belegen, dass es zu einer Stabilisierung der Schilfbestände gekommen ist. Problematisch ist jedoch die fortschreitende Degradation dieser Bestände.

Was sind die Gründe für diese Degradation?

Die ausgedehnten Schilfflächen des Neusiedler Sees stellen an sich ein multifunktionales Ökotop dar, das durch eine charakteristische Flora und Fauna geprägt ist. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert führten die unterschiedlichen Nutzungsansprüche der Landwirtschaft, der Schilfwirtschaft, der Fischerei und Jagd sowie des Tourismus bei gleichzeitigen Bemühungen um Natur- und Landschaftsschutz zu einem Ungleichgewicht, das sich nachteilig auf den Zustand des Schilfgürtels und seine Funktion als Lebensraum ausgewirkt hat. Die Gründe für das aktuelle Schilfsterben sind vielfältig und haben mit dem Grundwasserspiegel, der „Stabilisierung“ des Sees, der Eutrophierung und anderen Einflussfaktoren zu tun. Es liegen verschiedene Ansätze für Maßnahmen vor, die von gezieltem Schilfschnitt bis zu einem Brandmanagement reichen.

1 Kommentare

1 Kommentar

  1. Der Schilfgürtel hat sich seit Bau des Einserkanals stark ausgebreitet.
    Siehe Strategiestudie Kapitel 2.4.3. Genaue Zahlen sind keine angeführt, dürfte aber mindestens das Dreifache sein.
    Tiefe Wasserstände begünstigen ein Schilfwachstum seewärts.
    Hohe Wasserstände begünstigen ein Schilfwachstum landwärts.
    https://wasser.bgld.gv.at/fileadmin/user_upload/Studien/Neusiedler_See/STRATEGY_STUDY_14-06-16_DE_-_final_END.pdf

    Mögliche Gründe für das ausufernde Schilfwachstums seit Bau des Einserkanals:
    – geringere Wasserstandsschwankungen begünstigen i.A. das Wachstum
    – durch das Ableiten hat sich der ursprüngliche Salzgehalt stark verdünnt. Der hohe Salzgehalt hat dem Wachstum früher entgegengewirkt.
    – Eintrag von Düngemittel aus der Landwirtschaft (v.a. Mitte letzes Jahrhundert)

    Die moderne Feuerwehr könnte eventuell auch eine Rolle spielen. Man bedenke, früher konnte man einen Schilfbrand nicht mit Hubschraubern und modernster Technik bekämpfen, sondern bestenfalls zusehen. Gut vorstellbar, dass früher zB nach einem Blitzschlag der halbe Schilfbestand abgebrannt ist.

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